Ibni Ruschd - Averroes
8. April 2008 | Von omer-faruk | Kategorie: Islam und Theologie, Leitartikel
Ibni Ruschd (1126-1198) kam in einer Familie von Richtern und Rechtsgelehrten auf die Welt. Es ist bekannt, dass er in allen Wissensgebieten seiner Zeit bewandert und eine der bekanntesten Persönlichkeiten des damaligen Andalusiens war. Bekanntheit erlangte er mit seinen Aristoteles- Kommentaren.
In der islamischen Welt wurde er aufgrund seiner Kommentare als der „Schârih” und in der lateinischen als der „commentator” berühmt. Im Westen war er jedoch unter der verfremdeten Version seines Namens, „Averroes”, bekannt. Ibni Ruschd verfasste zum einen zahlreiche Werke im Bereich der Theologie, Logik, Naturwissenschaften, Metaphysik, Psychologie, Zoologie, Astronomie, Medizin, Politik und Ethik, zum anderen erlangte er mit seinen zahlreichen Kommentaren zum Werk des Aristoteles den Status des größten Kommentator von Aristoteles. Ibni Ruschd legte bei seiner Arbeit an Aristoteles Werk darauf Wert, ihn so wiederzugeben, wir er seine Meinungen auch selbst dargestellt hat. Dabei stellte Ibni Ruschd zuerst fest, was Aristoteles Aussagen sind und aus welchen Prinzipien diese Aussagen abgeleitet wurden, um sodann anhand dieser Prinzipien die Ansichten des Philosophen darzulegen.
Ibni Ruschd, geradezu ein Verehrer des griechischen Philosophen, ist der Meinung, dass nur die Ansichten Aristoteles’ die Philosophie darstellten. Es ist jedoch keine blinde Bewunderung. Das seiner Meinung nach einzigartige philosophische System Aristoteles’ ist es, das ihn durch seine Konsequenz besticht. Ibni Ruschd ist aber nicht der Ansicht, dass Aristoteles’ Philosophie in allen Punkten mit den Glaubensgrundsätzen des Islams vereinbar ist. Während er versucht den Weg zusammen mit seinem Lehrer unter der Führung seiner Vernunft zurückzulegen, legt er Wert darauf von unterschiedlichen Standpunkten aus loszugehen. So darf es nicht verwundern, wenn beide Philosophen aufgrund dieser unterschiedlichen Standpunkte, immer wieder zu unterschiedlichen Ansichten kommen. Trotz seiner Verbundenheit gegenüber der Doktrin des Aristoteles’ achtet er bei seinen Auslegungen darauf, diese mit den Grundprinzipien des Islams in Einklang zu bringen. Wo dies nicht möglich ist, entschuldigt er den Philosophen dafür mit der Begründung, es sei nun mal dessen Verständnis, dass Aristoteles zu solch einer Meinung führe. Auch wenn er einige Ansichten Aristoteles’ nicht akzeptierte, wies er darauf hin, dass diese dennoch im aristotelischen System schlüssig seien. Mag sein, dass die Ergebnisse, zu denen er gelangte nicht richtig waren, ziehe man jedoch die Voraussetzungen von Aristoteles in Betracht, so wären die Ergebnisse doch logisch. Denn diese Voraussetzungen müssten zu diesen Ergebnissen führen, so Ibni Ruschd. Dieser Umstand zeigt, dass es Ibni Ruschd nicht um die Verteidigung von Aristoteles ging, sondern um das Verständnis von dessen System.
Ibni Ruschds Absicht war, zu erfahren, wie Philosophie und Offenbarung voneinander unabhängig erkannt und verstanden werden können, um dann Verbindungen zwischen diesen herstellen zu können, ohne dass sie sich gegenseitig widersprechen. Aus diesem Grund versuchte er die Aussagen von Religion und Philosophie zuerst in ihrem eigenen Rahmen zu konkretisieren, um dann ihre Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Er wies auf den Fehler hin, Beide eins zu eins miteinander zu vergleichen und warnte vor den Folgen der Gefahr, dass das Eine für das Andere geopfert werden würde. Für ihn haben sowohl die Philosophie als auch die Religion jeweils eigene Grundlagen und Prinzipien, die unterschiedlich sein müssen, deren Vermischung gar zu Fehlern führen würde.
Demnach müssten religiöse Problemstellungen im Rahmen der Religion, philosophische Probleme im philosophischen Rahmen angegangen werden. Die jeweils ihnen eigene Wahrheit müsse für jeden der beiden alleine festgestellt werden. Wenn also der Philosoph religiöse Fragestellungen diskutieren wolle, dürfe er diese nicht im philosophischen, sondern müsse sie im religiösen Rahmen diskutieren. Er müsse die Grundaussagen der Religion nachvollziehen können und seine Diskussion auf diesen aufbauen.
Genauso müsse der Theologe, wenn er denn ein philosophisches Problem diskutieren wolle, das System aus dem diese Fragestellung stammt, kennen lernen und die Frage auf der Basis der systemimmanenten Prinzipien diskutieren. Nach Ibni Ruschd dürften Philosophen nicht über die Prinzipien der Scharîa diskutieren. Denn jede Disziplin hätte ihr eigenen Grundlagen. Um über eine bestimmte Disziplin diskutieren zu können, müsse derjenige auch die Prinzipien dieser Disziplin nachvollziehen können.
Ibni Ruschd hebt sich als Philosoph von Aristoteles und den anderen früheren muslimischen Philosophen in seinem Verständnis von der Beziehung Gottes zur Schöpfung und dem Funktionieren dieser Welt ab. Er lehnt deistische, Gott als desinteressiert an der Welt verstehende, pantheistische und panentheistische Ansichten ab. Wissen ist für ihn die Kenntnis über das Wesen der Schöpfung und der Beziehung innerhalb dieser und dem Verständnis zwischen der Ursache und dem Verursachten. Nach Ibni Ruschd entsteht Wissen in einem Prozess. Der Weg zur Vollkommenheit führt für ihn über das Lernen und Denken. Dafür brauche jedoch der Mensch neben einer natürliche Begabung und entsprechenden Fassungskraft, auch die richtige Methode, das richtige Wissen, einen geeigneten und fähigen Lehrer außerdem die Fähigkeit, die eigenen Triebe und Wünsche zu kontrollieren. All dies kann jedoch nicht durch den Rückzug in die Einsamkeit, sondern nur in der Zivilisation, durch das Zusammenleben und Zusammenarbeiten mit anderen Menschen erreicht werden. Denn bis auf einige vorübergehende Ausnahmen, helfe die Zivilisation und der Nutzen aus dem Umgang mit anderen Menschen dem Erreichen der Glückseligkeit und Vollkommenheit. Dabei vernachlässigt er keinesfalls die ethische Komponente des Handelns, er weist immer wieder auf die Notwendigkeit der Einheit des Denkens und Handelns für die Glückseligkeit und Vollkommenheit hin. Außerdem weist er darauf hin, dass die religiöse Praxis und das Gebet wichtige Beiträge dafür erbringen.
Auch wenn Ibni Ruschd zur Politik und Ethik keine eigenständigen Werke verfasst hat, kann man aus seinen Kommentaren zu Platon und Aristoteles einige Hinweise auf seine eigenen Ansichten finden. Nach Ibni Ruschd hat der Mensch vier Fähigkeiten: die Tugend des Denkens, die Künste, die moralischen Tugenden und die bewussten Handlungen. Da das Ziel der Menschheit das Erreichen der Tugend des Denkens ist, sind die anderen Tugenden nur zur Erreichung dieser da. Aus der Natur des Menschen als ein zivilisiertes Wesen folge, dass er diese Tugenden ohne die Hilfe seiner Artgenossen nicht erreichen kann. Deswegen muss der Mensch sein Leben mit anderen teilen. Der Sinn der Ethik ist nicht die einfache Kenntnis der Tugenden, sondern deren Umsetzung. Gemäß der Goldenen Mitte steht im Zentrum der Tugenden Bescheidenheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Freigiebigkeit die Handlung, die nicht den Extremen zuneigt.
(Quelle: igmg.de / deutsche Übersetzung von Abdulgani Engin Karahan)
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Bücher zu Ibni Rüschd:
Arabisch-islamische Philosophie.
Geschichte und Gegenwart (Campus Einführungen)
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Averroes: His Life, Works and Influence
(Great Islamic Writings)
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