Muslime und Holocaust

Man hört ja hin und wieder, Muslime in Deutschland würden sich mit dem Holocaust nicht ausreichend beschäftigen. Ich denke nicht, dass dies zutrifft, im Gegenteil. Man kommt bei Gesprächen unter Muslimen in Deutschland immer wieder auf dieses Thema. Besonders bei der Generation die hier sozialisiert worden ist, führt das Gespräch immer wieder zum Holocaust.

Woran dies liegt? Vielleicht daran, dass man selbst im normalen Alltag immer wieder an den Geschichtsunterricht erinnert wird. Mit solchen Aussagen holt man sich zwar immer den Vorwurf ein, man würde wieder die Holocaust-Keule schwingen, aber wer einmal die Möglichkeit hatte, mit Jugendlichen und „jungen Erwachsenen“ mit Migrationshintergrund über dieses Thema zu sprechen, dürfte schnell bemerkt haben, dass es weit mehr als um ein weiteres Mittel der Polemik geht.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf einen mittlerweile zwar fast zwei Jahre alten, aber dennoch mehr als aktuellen Beitrag von Professor Michal Bodemann von der Fakultät für Soziologie Toronto hinweisen. Der Beitrag mit dem Titel „Unter Verdacht – Parallelgesellschaft und Anti-Islamismus“ erschien im November 2004 in der Süddeutschen Zeitung. Prof. Bodemann leitet seinen Beitrag provokativ mit einer fiktiven Zeitungsmeldung an:

„In einer großen Zeitung erscheint ein langer Artikel über die Stellung der Juden in Deutschland heute. Darin heißt es: Während ein nicht unbedeutender Teil der Juden sich in die deutsche Gesellschaft integriert, ist das bei vielen anderen nicht festzustellen.

Viele Juden meinen, sie kämen auch ohne Deutschkenntnisse aus. Schulische Aktivitäten, wenn sie denn einmal auf einen Samstag fallen, werden boykottiert. Frauen sind im Judentum auch heute noch Bürger zweiter Klasse.

Besonders besorgt drückt sich der Autor darüber aus, dass einige ultra-zionistische, nicht offen operierende Organisationen Mitglieder in Deutschland anwerben und für ihre Zwecke, ein theokratisches Groß-Israel, Geld sammeln. Gerade auch die russisch-jüdischen Einwanderer hätten sich in großstädtischen Ghettos isoliert, abgeschottet von der deutschen Umwelt und ohne Interesse an unserer Kultur und Lebensweise.“

Das solch ein Artikel in Deutschland erscheinen könnte wäre zu Recht undenkbar und würde Konsequenzen nach sich ziehen. Doch wie ist es, wenn man wie Prof. Bodemann es vorschlägt, das Wort „Juden“ mit „Muslimen“ und „Türken“ ersetzt. Tja, dann kommt einem der Text schon bekannter und, es muss wohl an der Gewöhnung liegen, fast schon „normal“ vor. Dieser Ton gehört mittlerweile zum Standard in der Berichterstattung über muslimische Migranten in Deutschland.

Zum Standard gehört auch das Unwort „Parallelgesellschaft“. Bodemann zitiert die Sorge des damaligen schleswig-holsteinischen Innenministers Klaus Buß über die Entstehung von Parallelgesellschaften und kritisiert:

„Buß meinte nicht etwa bestimmte elitäre Milieus, deren Angehörige enge Geschäftsverbindungen miteinander pflegen, oft untereinander heiraten und ihre Kinder auf für Normalverbraucher kaum zugängliche Internate schicken. Tatsächlich bezog Buß sich auf Islamisten-oder meinte er Muslime allgemein? Ihm wie vielen anderen sind die Unterschiede unklar oder einerlei: Die Strukturen sind eben undurchsichtig - aus dieser Undurchsichtigkeit heraus werden Horrorszenarien konstruiert.“

Interessant ist auch seine Bewertung der zu jener Zeit aktuellen Diskussion um den Van-Gogh-Mord.

„Seit dem Mord an Theo van Gogh ist die Hysterie noch angewachsen. Die anti-islamische Hetze (”Ziegenficker”), die er und andere betreiben, wird nicht ernsthaft thematisiert, während sich die europäische Welt über die anti-islamischen und rassistischen Erniedrigungen in Abu Ghraib erregt. Nun meint der Spiegel, die Niederlande stünden “vor den Trümmern” ihrer Toleranz, der Bürgermeister von Neukölln sieht “Multi-Kulti gescheitert”, und Annette Schavan wünscht, die Predigten in den Moscheen sollten, zur besseren Kontrolle offenbar, auf Deutsch gehalten werden. Seit der Kaiserzeit, als die polnischen Einwanderer im Ruhrgebiet in deutschsprachige Gottesdienste gezwungen wurden, hat sich hier also wenig verändert.“

Geschichte scheint sich irgendwie doch zu wiederholen.
Als der Artikel im November 2004 erstmals erschien, bekam Prof. Bodemann aus einigen Foren recht scharfe Anfeindungen zu spüren. Vielleicht kann man ja jetzt zwei Jahre später etwas unaufgeregter darüber diskutieren.
Link: Unter Verdacht – Parallelgesellschaft und Anti-Islamismus

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3 Kommentare
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  1. Hallo Engin,
    nachdem im Originalthread keine Kommentare mehr möglich sind:
    http://islam-europe.org/2006/09/11/muslime-beten-am-11september-fur-frieden-in-einer-gerechteren-welt/#comment-59 nun also hier.

    Also, erst sagen Sie zu der PEW Studie, es gibt die gar nicht (!),
    dann: sie ist von irgendjemand “bestellt” (Beweise? Indizien?…),
    dann: sie untersucht das falsche, nämlich nur die muslimischen Einstellungen (stimmt nicht, auch die der Gesamtgesellschaften!)
    schliesslich: auch wenn die Studie korrekt ist, das Ergebnis ist völlig egal.

    Und das alles obwohl Sie die Studie offensichtlich nicht mal gelesen haben!
    Ist das nicht etwas ignorant?
    (oder ein Sprachproblem?)

    Es geht in der Studie nicht so sehr um Verschwörungstheorien und deren Verbreitung.

    Aber über Muslime und Verschwörungstheorien könnte man noch viel schreiben…

    > Die Kritik, die ich an Ihre Kritik habe, ist die, dass Sie grundsätzlich davon ausgehen, dass wir(wer ist mit dem wir gemeint? lass ich mal offen) einen Zugang zu Terroristen haben, als würde dies schon qua Definition jedem Muslim eigen sein
    > Doch solch ein Auffruf und Ihre Erwartung setzt die Annahme und den Vorwurf voraus, dass es zwischen dem Ottonormal-Muslim, den Verbänden, den Moscheen und dem Terroristen eine Verbindung gibt. Und vor solch eine Annahme lass ich mich nicht spannen, sicherlich die anderen Muslime auch nicht.
    Nun,
    die Muslime haben “qua Definition” eine bestimmte “Verbindung” zu Terroristen die im Namen des Islam handeln. Es ist die gleiche Art “Verbindung”, die die ETA zu Basken hat, die IRA zu Nordiren, die Neonazis zu Deutschen, die LTTE zu Tamilen, die PKK zu Kurden, die RAF zu linken Studenten und K-Gruppen: die terroristische Gruppe sucht dort Sympathisanten, neue Rekruten, moralische und finanzielle Unterstützung und vor allem: Legitimation.
    Hm,
    ich hoffe, dass das verständlich ist, weil die Begriffe “Beziehung”, “Verhältnis” oder “Verbindung” das nicht genau treffen, sondern missverstanden werden können. Es geht darum, dass jede Terrorgruppe “ihr” “Publikum” gewinnen will, also eine größtenteils einseitige Beziehung…
    Das Ende einer Terrorgruppe kommt dann, wenn sie delegitimiert ist, bspw. weil sie bei ihrem “Publikum” diskreditiert ist ( wobei das tatsächliche Ende dann noch dauern kann, siehe die griechische Terrorgruppe “Revolutionäre Organisation 17. November”) oder auch weil sich ihr Ziel erledigt hat.
    Die Reaktion und Meinung des “Publikums”, hier der Ummah, ist für die Terrorgruppen wichtig. In einem Bin-Laden-Video nach dem 11.9. bspw. hat sich dieser genau nach den Reaktionen in den Freitagsgebeten erkundigt.

    Kurz: es geht hier nicht um Mitwisserschaft, nicht um einen Generalverdacht, sondern um den Entzug / das Absprechen von Legitimation.
    Wenn muslimische Verbände Regierungen in Reaktion auf versuchte Terroranschläge zur Änderung ihrer Aussenpolitik auffordern, wie in Großbritannien geschehen:
    http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/4786159.stm
    dann wird Terror aus Sicht der Terroristen legitimiert.

    Ich fand den Schluss der Erklärung zum 5. Jahrestag des 11.9. beunruhigend vage formuliert (”die Wurzel der Ursachen der Probleme”?).

  2. zum PS:
    >> Wann haben Sie sich eigentlich das letztemal für den Holocaust entschuldigt und für seine Opfer gebetet. Haben Sie sich schonmal an das polnische, französiche, holländische usw. Volk gewandt und sich für all die Schmerzen im 2. Weltkrieg um Vergebung gebeten.
    > Abgesehen davon ist es vielleicht legitim im angelsächsischen Raum solch einen Merksatz zu formulieren, aber sicher nicht für Deutschland. Hier gehört einfach in jede Diskussion über Gewalt, Terror, Rassismus usw. die Auseinandersetzung mit dem Nazionalsozialismus in Deutschland dazu, gerade um nicht zu vergessen.

    Nee,
    auch und gerade in Deutschland sollte man nicht bei jeder Gelegenheit gleich einen Nazi-Vergleich ziehen, das IST meist “platte Polemik”, in jede beliebige Richtung! Beispiele gefällig?
    kopftuchtragende Schülerinnen ^= erste HJ-Uniformen im 3.Reich
    gegen Irak-Krieg sein ^= Appeasement von Hitler
    Armeniermassaker in Osttürkei ^= Holocaust in Hitlerdeutschland
    Kopftuchverbot für Lehrerinnen ^= jüdische Berufsverbote unter Hitler
    usw.

    wobei Ihre Argumentation ja eher dieses Muster hatte:
    “Sie als Deutsche (mit Hitlergeschichte….) sind zur Kritik wohl kaum qualifiziert.”
    also argumentum ad hominem. Das ist aber weder guter Stil noch ein tragendes Argument
    (Die BRD hat sich entschuldigt und um Vergebung gebeten, auch in meinem Namen, und hat diesen Worten auch Taten folgen lassen. Wenn ich persönlich mit dem Thema/Opfern in Berührung komme, bin ich mir der deutschen Verantwortung voll bewußt. Zum Beispiel wenn mir mal wieder ein Ägypter zum Holocaust gratuliert…^^ Und ich käme auch nicht auf die Idee, Polen oder Tschechen zu erklären, dass die Deutschen damals ja gleich doppelte Opfer waren indem sie erst als Soldaten eingezogen wurden und dann zu Flüchtlingen wurden …^^ !
    Kein Leugnen. Kein Vergessen. Kein Relativieren.
    Vergleichen Sie das mit der Gemeinsamen Erklärung, wenn Sie unbedingt wollen, ich finde ja sowieso dass Ihr Vergleich sehr schief ist.)

  3. > Als der Artikel im November 2004 erstmals erschien, bekam Prof. Bodemann aus einigen Foren recht scharfe Anfeindungen zu spüren. Vielleicht kann man ja jetzt zwei Jahre später etwas unaufgeregter darüber diskutieren.
    >
    Die Kritik an diesem Artikel ist immernoch richtig, was sollte sich geändert haben?
    Siehe zum Vergleich:
    http://asphaltkaefer.open-lab.org/index.php/?cat=9
    http://lizaswelt.blogspot.com/2006/03/schmock-bleibt-schmock.html

    > Mit solchen Aussagen holt man sich zwar immer den Vorwurf ein, man würde wieder die Holocaust-Keule schwingen, aber wer einmal die Möglichkeit hatte, mit Jugendlichen und „jungen Erwachsenen“ mit Migrationshintergrund über dieses Thema zu sprechen, dürfte schnell bemerkt haben, dass es weit mehr als um ein weiteres Mittel der Polemik geht.
    >
    Ich hatte die Möglichkeit und was ich bemerkte war meist Polemik. Außer als moralische Keule (die in D effektiver ist als bspw. Kolonialismusvorwürfe) habe ich von muslimischen Diskutanten kaum Interesse am Holocaust bemerkt. Cem Özdemir hat eine absolute Minderheitenposition.
    Besonders infam finde ich es, wenn sich Gruppen, die ständig ihre antisemitischen (als antizionistisch deklarierten) Ausfälle herausbrüllen, sich mit Nazi-/Holocaustvergleichen gegen Kritik immunisieren wollen.
    Beispiel:
    Nadeem Elyas auf die Vorhaltung, daß auf der Internetseite des Zentralrats der Muslime ein Buch von Roger Garaudy zu finden sei, der den Holocaust leugnet; es sei doppelzüngig, für Dialog zu werben und solche Bücher zu verbreiten:
    “Ich räume ein, dass in einigen Moscheebüchereien so manches liegt. Aber Roger Garaudy ist eine bekannte Persönlichkeit überall in der Welt. Und wenn eine bestimmte Einsicht von ihm, eine Haltung von ihm zu kritisieren ist, so kann man das kritisieren, aber man kann dann nicht die Bücher verbrennen von irgendeinem Andersdenkenden. Die Zeit haben wir hinter uns, und die möchten wir auch nicht wieder haben.”
    Infam.

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