Islamkonferenz ohne Lippenbekenntnisse?

Eine Erklärung des Bundesinnenministers schien anfangs in die richtige Richtung zu gehen. Er wolle den Muslimen in der Islamkonferenz klarmachen, so sagte Schäuble, dass sie Teil dieser Gesellschaft sind. Die Frage, ob man dies mehr den Muslimen oder doch eher großen Teilen der Mehrheitsgesellschaft und insbesondere Schäubles Unionskollegen klarmachen muss, sei einmal dahingestellt - die Erklärung geht ja noch weiter. “Wir teilen mit ihnen viele Werte und Überzeugungen, angefangen von der Bedeutung der Familie bis hin zu den Grundwerten der Demokratie wie Freiheit, Toleranz und Verantwortung”, stellte er in dem Interview in der Welt am Sonntag vom 13. August 2006 klar. Eine Ansicht, die man viel zu selten aus dem Unionslager hört, möchte man denken, würde zwischen beiden Aussagen nicht noch ein Satz fallen. Schäuble müsse den Muslimen bei der Konferenz weiterhin klarmachen, dass sie auch Opfer von terroristischen Anschlägen werden könnten.

Bei dieser Aussage bleibt einem die Luft weg, aber nicht aus Zweifel daran, dass auch Muslime Opfer eines Anschlags werden könnten. Natürlich sind wir Teil dieser Gesellschaft und können auch Opfer eines möglichen Anschlags werden. Wir fahren täglich mit der Straßenbahn, nutzen den Bus, steigen in den Flieger ein. Für den Terror gibt es keinen Muslim oder Nicht-Muslim, Bomben machen keinen Unterschied. Erschreckend ist die Meinung des Innenministers, dass diese Tatsache den Muslimen erst auf dem Islamgipfel klargemacht werden muss.

Es stellt sich die Frage, ob in dieser Aussage nicht doch ein gewisser Generalverdacht, ein versteckter Vorwurf, nämlich der Vorwurf der Mitwisserschaft, steckt. Es ist doch Irrsinn zu glauben, die Muslime wüssten, wo Terroristen sind und man müsste sie nur noch davon überzeugen, diese Information herauszurücken. Würde es denn nicht schon von der extremen Dummheit eines solchen Terroristen zeugen, wenn er in einer Moschee Unterschlupf sucht - in einer Zeit, in der eine beträchtliche Zahl von Moscheen, meiner Meinung nach zu Unrecht, unter intensiver Beobachtung stehen. Dies wissen die Sicherheitsbehörden mindestens genauso gut wie wir. Umso perfider ist es, von Muslimen zu fordern: “So Leute, es kann auch euch treffen, jetzt sagt endlich wer der Terrorist ist, den ihr bei euch versteckt.” Perfide und unverschämt.

Dieser gravierende Lapsus wird aber wohl nicht das einzig Verkehrte an dieser Islamkonferenz sein. So wurde das Thema Islam aus dem Integrationsgipfel der Bundeskanzlerin herausgeschnitten und an den Bundesinnenminister verwiesen. Unter vorgehaltener Hand wurde gemunkelt, da die Innenministerien die Muslime sowieso beobachten würden, solle man sich auch dort treffen. Und da sage mal einer, man sehe den Islam und die Muslime nicht als Sicherheitsproblem an.

Als Integrationsinstanz fielen die Innenministerien bisher sowieso nicht auf. Das Wort Integration fiel oftmals nur, wenn es wie zu Zeiten von Schäubles Vorgänger mit Assimilation gleichgesetzt wurde oder als Basis für neue Sanktionskataloge herhalten musste. Abschiebung, Ablehnung von Einbürgerungen, das Nichtverlängern von Aufenthaltstiteln, gar Ausbürgerungen - das sind Begriffe die man aus den Innenministerien kennt, Integration gehört nicht ernsthaft dazu.

Schon bei ihrer Einladungspolitik zum Integrationsgipfel hatten die Verantwortlichen in der Regierung deutlich gemacht, dass ihnen kein Porzellan zum Zerschlagen zu schade ist. Die bisherigen Ankündigungen aus dem Bundesinnenministerium zeigen, dass dieses elefantöse Auftreten wohl zur neuen Regel im Umgang mit Muslimen werden soll. Dabei zeigt gerade die Einladungspolitik, wie ernst es die Verantwortlichen mit diesem Dialog meinen. Dass es an dieser Ernsthaftigkeit fehlt, zeigt man dann am Besten, wenn der Kreis der Geladenen auf solche genehme Partner begrenzt wird, bei denen man sich sicher sein kann, dass sie nicht widersprechen. Dazu lädt man am besten auch noch vermeintliche Persönlichkeiten und Pseudo-Experten wie Necla Kelek und Seytan Ates ein. An diesem Punkt muss sich der Veranstalter die Frage stellen, ob die Muslime wirklich Lust darauf haben, dass diese “Experten” ihnen erklären, wie sie den Islam gefälligst zu verstehen haben. Ob denn eine Veranstaltung in diesem Geiste überhaupt noch zu einem annehmbaren Ergebnis kommen kann, ist wohl zu bezweifeln. Eine Anmaßung ist es allemal, über eine Islamkonferenz in das Islamverständnis der Muslime eingreifen zu wollen.

Das für einen erfolgreichen Dialog notwendige Vertrauen wird so sicherlich nicht aufgebaut. Dafür müssen sich die politisch Verantwortlichen erst einmal überlegen, ob Schlagwörter wie Integration, Gespräch auf Augenhöhe, Respekt dem Anderen gegenüber weiterhin nicht mehr als leicht verdrängbare Lippenbekenntnisse bleiben oder zusammen mit den Muslimen gemeinsam in die Tat umgesetzt werden sollen. Die Islamkonferenz kann dafür ein Ausgangspunkt sein oder aber dem Beispiel des Integrationsgipfels im Kanzleramt folgend zu einer Fata Morgana ausarten.

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9 Kommentare
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  1. Warum sind Necla Kelek und Seytan Ates “Pseudowissenschaftlerinnen”. Nur weil sie dem Islam berechtigte kritische Fragen stellen.
    Denn sowas ist in Europa üblich, ob es dem Islam gefällt oder nicht.

  2. Also zuerst mal ist Frau Ates gar nicht Wissenschaftlerin, sie ist Rechtsanwältin, ach ja mittlerweile auch das nicht, dann halt nur noch Berufsreferentin. Was die Wissenschaftlichkeit von Frau Kelek angeht, schauen sie sich doch einfach mal die Kritik ihrer Kollegen und Kolleginnen aus der eigenen Zunft an. Beide sind weit davon entfernt, wissenschaftlich zu arbeiten, deswegen auch Pseudowissenschaftlerinnen.

    Meine Kritik geht eigentlich noch einen Schritt weiter. Ich bin der Meinung, dass sie ihre Seele verkauft haben, für ein Stück Ruhm und etwas Vortragshonorare. Rücksichtslos stellen sie einzelne negative Beispiele in den Raum und verallgemeinern dies auf die gesamte muslimische Community. Frau Ates rühmte sich mal auf einer Veranstaltung, dass sie sich bei Vorträgen ein Kopftuch anlegte (sie trägt normalerweise keins) um dann im Vortrag über das Kopftuch herzuziehen. Sie meinte, das käme dann immer besser an. Meinen Sie, dass das noch ethisch in Ordnung ist. Und nun soll ich mich als Muslim mit Menschen von einer solch ethischen Morallosigkeit und Belibigkeit hinsetzen und darüber diskutieren, was der Islam ist? Wegen solcher Menschen gibt es ja Religionen, damit nicht alle so werden.

    MfG

    Abdulgani

  3. Soso, Frau Kelek und Frau Ates sind also “Pseudo-Expertinnen” und “Rücksichtslos stellen sie einzelne negative Beispiele in den Raum und verallgemeinern dies auf die gesamte muslimische Community.”
    Solche Einzelfälle wie Zwangsheirat, häusliche Gewalt oder Ehrenmord?
    Und mit solchen “Einzelfällen” lohnt es sich ja nicht zu beschäftigen, solange man die Zeit auch für eine Droh- und Hetzkampagne in der Hürriyet verwenden kann oder für die Überlegungen von Abdulgani Engin Karahan, was eine Frau, die ein Stück Stoff auf dem Kopf hat, noch sagen darf, denken darf und an welche Moral sie sich zu halten hat!!

    Wie stellen Sie Sich eigentlich den “Dialog” auf der Islamkonferenz vor?!

    Was außer Frau Kelek und Frau Ates und dem Ansprechen von “einzelnen negativen Beispielen” oder Problemen wie islamischem Extremismus oder illegalen Madrassa-Internaten in D usw. ist denn noch alles “eine Anmaßung” und gehört verboten?

  4. Fr. Kelek ist in einer Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat Religionen aus der Gesellschaft zu verbannen. Was soll man dazu noch sagen? Das kann ja wohl nicht objektiv sein, was sie da von sich gibt. Sie ist nun mal gegen jegliche Art von Religionen. Heute sind es die Moslems morgen wahrscheinlich die Christen und dann auch noch die Juden. Fr. Kelek geht es nicht um einen “pflegeleichten Islam” ihr geht es eher um die Abschaffung sämtlicher Religionen.

    Wenn Sie mal den Beirat der Giordana Bruno Stiftung ansehen werden Sie unschwer erkennen, um was es Fr. Kelek geht.

    Wundern Sie sich dann aber in Deutschland nicht, wenn die Islamkonferenz eine Sackgasse ist.

    VG
    Catharina

  5. Die Giordano-Bruno-Stiftung ist religionskritisch, keine Frage. Die inhaltlichen Arbeitsfelder der Stiftung sind:

    1. Evolutionärer Humanismus/naturalistisches Weltbild
    2. Religionskritik/Säkularismus
    3. Erkenntnistheorie/Wissenschaftstheorie
    4. Ethik
    Unter Punkt 3 fällt auch Ihre Frage, was Objektivität ist.
    Mal angenommen, Frau Kelek vertritt tatsächlich atheistische oder agnostische und säkularistische Positionen. Darf sie dann nicht zur Islamkonferenz eingeladen werden? Dürfen da nur Muslime, Christen und Juden (also die Buchreligionen?) teilnehmen? Dürfen deutsche Atheisten ohne Migrationshintergrund auch nicht als Experten eingeladen werden? Warum? Weil Atheisten anders als Muslime und Christen nicht objektiv sein können?

  6. Sehr geehrte Damen & Herren, eine Anregung für die Islamkonferenz mit der Bitte, sie an die maßgebliche Stelle weiterzuleiten: Im FOCUS Nr. 48 auf S. 132 ist ein Interview mit Prof.Dr. Nossrat Peseschkian aus Wiesbaden abgedruckt. Dort erklärt er aus psychotherapeutischer Sicht die Problematik der aktuellen Aggression innerhalb der islamischen Welt. Seine Ausführungen sind so einleuchtend, dass man als Außenstehender bestens informiert wird. Warum wird Prof. Peseschkian nicht zur Islamkonferenz eingeladen? Er kennt beide Seiten, die östliche und die westliche, und könnte gut als Vermittler wirken. Ich würde mich freuen, von Ihnen eine entsprechende Antwort zu bekommen. Mit freundlichen Grüßen gez. Hans-Peter Lin aus Düren

  7. Sehr geehrter Herr Lin,

    es sind ja nicht die Muslime, die zu dieser Konferenz einladen, sondern das Bundesinnenministerium. Dass ich mit der Einladungsspraxis des Ministeriums nicht unbedingt zufrieden bin, sieht man meinem Beitrag sicherlich an. Den Vorschlag bezüglich der Teilnahme Prof. Peseschkians müssten Sie wohl dorthin richten.

    MfG Abdulgani Engin Karahan

  8. [...] geht halt oft meist nur bis zur nasenspitze… und was den kongress angeht hab ich hier auch einen artikel aus 2006 (ja bissi alt) gefunden, den ich nicht vorenthalten will…..war eigentlich auf der suche nach der [...]

  9. [...] ich in einem anderen post folgendes geschrieben: und was den kongress angeht hab ich hier auch einen artikel aus 2006 (ja bissi alt) gefunden, den ich nicht vorenthalten will…..war eigentlich auf der suche nach der [...]

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