Der “unbekannte” Imam, Imam Azam Abu Hanife

Es gibt Menschen, die für unser religiöses Leben von großer Bedeutung sind. Wir sehen uns als zugehörig zu ihnen an, schauen mit Begeisterung zu ihnen auf, erzählen uns ihre Biographien, kennen jedoch die Mission und den Einfluss dieser Persönlichkeiten auf unser religiöses Leben nicht. Der “Gründer” der hanefitischen Rechtsschule, Imam Azam Abu Hanife gehört zweifellos zu diesen Persönlichkeiten.

Kufa, die prägende Stadt

Aufgrund der weiten Verbreitung der hanefitischen Rechtsschule in unseren Herkunftsländern wird Abu Hanife zweifellos mit Gebeten und Segenswünschen bedacht, man erweist ihm auch den nötigen Respekt. Dieser Respekt wird jedoch meist nicht dem Werk, seiner aus authentischen Überlieferungen gespeisten Persönlichkeit, seiner Methodik und seiner Herangehensweise an Probleme, sondern den Geschichten, die gar keinen Platz in seinem Leben haben, gezollt. Wirklicher Respekt kann aber nicht durch ein reines Bewundern entgegengebracht werden, sondern nur dadurch, dass man ihn wirklich kennen lernt.

Der Imam hieß mit richtigem Namen Nu’man bin Sabit bin Zuta, wurde aber eher unter seinem Beinamen Abu Hanife bekannt. Abu Hanife kam im Jahr 80 nach der Hidschra in Kufa zur Welt. Von seinen Vorfahren ist überliefert, dass sie persischer Abstammung sind. Nach Kufe zog der Großvater Zuta zur Zeit des Kalifen Ali (ra). Abu Hanifes Vater Sabit war ein wohlhabender Seidenhändler und auch der Sohn trat in seiner Jugend in die Fußstapfen seines Vaters und war so vor seinem späteren Weg in die Wissenschaft ein Händler.

Als eine neu gegründete Stadt war Kufe ein Magnet für die Menschen aus dem ganzen islamischen Verbreitungsgebiet. Insbesondere aus dem Jemen und den neu eroberten persischen Gebieten zogen sehr viele neue Muslime nach Kufa. Somit lagen zwischen verschiedenen Kulturen, die vormals von weiten Strecken und schwer überwindlichen Wüsten getrennt wurden, nur noch Straßen. Die Menschen aus den neu eroberten Gebieten ließen sich in der Stadt nieder, lernten den Islam in dieser Stadt kennen und stellten ihre Fragen in diesem Umfeld.

Abu Hanifes Weg in die Wissenschaft

Den größten Einfluss auf die Ausbildung Abu Hanifes hatte sein langjähriger Lehrer Hammad bin Suleyman. Von den 24 Jahren, in denen Hammad in Kufe wirkte, nahm Abu Hanife 18 Jahre an seinem Unterricht teil. Im Gegensatz zu einigen Erzählungen begann Abu Hanifes Studium nicht im Kindesalter. Zweifellos erhielt er in seiner Kindheit eine zu der Zeit übliche Grundausbildung. Seine Jugend verbrachte er aber mit seinem Vater als Händler. Es waren die Gelehrten, die er während seiner Geschäfte traf, die seine Fähigkeiten recht schnell bemerkten und ihm ein Studium der islamischen Lehre empfahlen.

Nach diesen Empfehlungen begab sich der junge Nu’man zum Studien der islamischen Lehre, nicht an einer staatliche Einrichtung, die gab es zu der Zeit noch nicht, aber in eines der Lehrzirkel in Kufa. Doch auch nachdem er mit seinen Studien anfing, führte er seine Tätigkeiten als Händler weiter. Die Erfahrungen aus der Handelswelt waren ein Leben lang ein Merkmal der Lehre Abu Hanifes.

Während er sich in seinen ersten Jahren mit theologischen Fragen beschäftigte (Akaid) so interessierte er sich doch immer mehr für die Glaubenspraxis. So kam es, dass er 102 nach der Hidschra in den Zirkel Hammads eintrat und 18 Jahre lang bis zu dessen Tod an seinem Unterricht teilnahm. Nach dem Tod Hammads übernahm Abu Hanife dessen Zirkel und lehrte in diesem Kreis bis zu seinem eigenen Tod im Jahre 150 nach Hidschra.

An dem Lehrkreis Abu Hanifes nahmen Schüler aus dem gesamten islamischen Gebieten teil. Unter seinen tausenden Schülern waren sogar vierzig Schüler, die selbst die Fähigkeit zum Itschtihad hatten. Dass er seine Handelstätigkeit auch neben seiner wissenschaftlichen Arbeit weiterführte, gab ihm die Möglichkeit immer das gesellschaftliche Leben zu verfolgen und finanziell von äußeren Einflüssen unabhängig zu bleiben.

Abu Hanifes Ansichten zur Glaubensdogmatik

Nach Abu Hanife kann eine rechte Glaubenspraxis nur auf einer sicheren Wissensbasis aufbauen. Um ein guter Mensch zu sein, reiche es nicht einfach aus, Gutes zu tun, sondern man müsse auch das Gute und das Schlechte kennen. Was die Glaubensdogmatik betrifft, fußen Abu Hanifes Ansichten auf zwei Grundannahmen: “Die richtige Glaubenspraxis baut auf dem rechten Denken auf, das richtige Tun lehnt sich an eine entschlossene und beständige Glaubenspraxis an. Das Wissen muss bestimmt und sicher sein. In der Glaubensdogmatik kann es keine Zweifel geben.”

Diese und andere Ansichten zur Dogmatik (Akaid) leitete Abu Hanife aus dem Koran. Hadise zur Akide, die dem Wesen der koranischen Botschaft widersprachen, lehnte er jedoch ab.

Seine Vorgaben zur Akide bildeten das Fundament für die Entstehung der Glaubensdogmatik, wie sie von den Gelehrten der Ehl-i Sunna formuliert wurden. Grund dafür ist sicherlich, dass Abu Hanife darauf bedacht war, in keine Extreme zu verfallen und bei seinen Ansichten einen Weg der Mitte zu beschreiten. So bestätigten selbst die anderen drei “Gründer” der Rechtsschulen bis auf einige kleinere Ausnahmen die Ansichten Imam Azams.

Wenn auch die Wiedergabe all seiner Ansichten zur Akide den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, will ich doch einige besonders Wichtige nennen. Nach Abu Hanife ist es jedem Menschen möglich, das Dasein Allah tealas mit seinem Verstand zu erkennen. Genauso wie es der Verstand nicht annehmen könne, dass ein Schiff in wilden Gewässern seinen Weg finden kann, könne er auch nicht das Fehlen eines allwissenden und allmächtigen Schöpfers annehmen. Durch das Erkunden und Bedenken der göttlichen Schöpfung könne der Verstand auf das Dasein Allah tealas schließen. Auch wenn man keine religiöse Einladung erhalten habe, so sei dennoch jeder erwachsene und geistig gesunde Mensch verpflichtet, an den Schöpfer zu glauben. Was der Verstand jedoch nicht erkennen könne, seien die Namen und Eigenschaften des Herrn. Diese könne uns nur Allah teala mitteilen.

Für den Iman(”gesicherten Glauben”) fordert Abu Hanife ein gesichertes Wissen, die Verinnerlichung dieses Wissens und die Bekundung dessen, nämlich das Wissen über das Dasein Allah tealas. Ohne diese drei Elemente könne kein aufrichtiger Glaube an Allah teala vorhanden sein. Im Gegensatz zu den anderen Schulen zählt Abu Hanife die Glaubenspraxis nicht zum Iman. Niemand glaube an Allah teala und an den Propheten, weil er fünfmal am Tag das Gebet verrichte oder faste, sondern diese Gebete würden verrichtet, weil man an Allah teala und seinen Propheten glaubt.

Abu Hanifes Fiqh

Imam Azam sah Fiqh als die Notwendigkeit des Einzelnen, das für ihn im Diesseits und Jenseits Hilfreiche und Schädliche zu kennen, an. Eine Niederschrift Abu Hanifes Methodik aus eigener Hand gibt es nicht. Es waren die späteren Gelehrten, die aus den Entscheidungen Abu Hanifes zu den gestellten Fragen seine Methodik herausfilterten.

In seinen Itschtihads hat er neben Koran und Sunna den Kiyas, den Analogieschluss, sehr oft angewandt. Dies tat er jedoch nicht nach Belieben, sondern nach bestimmten Regeln. Sein Lehrzirkel wirkte dabei als ein “Itschtihad-Rat”. Kam eine Anfrage um eine Fetwa, so befragte er zuerst seine Schüler über überlieferte Hadise des Propheten und seiner Gefährten und gab dann die Hadise, die er kannte, wieder. Nachdem er die Meinung seiner Schüler gehört hatte, legte er seine eigene Meinung dar und entschied die Sache.

An die Hadise, die er verwendete, stellte Imam Azam einige Anforderungen. Genügten die überlieferten Hadise nicht diesen Anforderungen, so nutzte er sie nicht zur Entscheidungsfindung. Stieß er jedoch auf einen authentischen Hadis, der nicht mit seiner Fetwa übereinstimmte, so wendete er sich von seiner alten Fetwa ab und richtete sich nach dem Hadis.

Abu Hanife hatte vor dem Beginn seines Studiums ein reges Handelsleben, das auch während seiner Zeit als Gelehrter nicht abbrach. Er stand fest in der Mitte der Gesellschaft und hatte so die Möglichkeit, diese zu beobachten und sie aus nächster Nähe kennen zu lernen. Dies war sicherlich auch der Grund dafür, dass sein Itschtihad auf ein breites Echo stieß und von einer breiten Bevölkerungsschicht angenommen wurde. Sein Leben in einer Region, in der sehr viele verschiedene Kulturen zusammenstießen und der Umstand, dass er auch die Volkstraditionen, die nicht gegen das Wesen des Islams verstießen, akzeptierte, führten zu einer differenzierteren Interpretation und einem “anderen” Itschtihad Abu Hanifes.

So konnte Abu Hanife die bis in seine Zeit entwickelten Fiqh-Regeln und die Auslegungen der Verse und Hadise unter Berücksichtigung seines Umfelds, der Bedürfnisse der Menschen und den Vorgaben und den Grundsätzen des Islams noch einmal neu bewerten und ein Gleichgewicht zwischen den begrenzten Quellen (Nas) und den unbegrenzten Ereignissen, zwischen der Überlieferung und dem Verstand aufbauen.

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