Das Vertrauen der Gesellschaft setzt das Vertrauen der Gemeinschaft voraus
15. Juli 2005 | Von Abdulgani Engin Karahan | Kategorie: Politik“Sie(die Muslime) müssen diesen Verbrechern laut ins Gesicht schreien: Der Islam will es nicht… Gott will es nicht!”, schreibt Nadeem Elyas in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau. Der Zentralratsvorsitzende scheint jedoch zu vergessen, dass Muslime diese Verbrecher vor ihren Taten genauso wenig als Attentäter zu Gesicht bekommen wie Nicht-Muslime. Den Muslimen in den Moscheen fehlt ein Gesicht, in das sie diese Aufforderung schreien können, gerade weil diese Gesichter nicht in den Moscheen anzutreffen sind. Wieso stellt er dennoch solch eine Forderung?
Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime gehört gerade zu denen, die Wissen müssten, dass diese Anschuldigung und Vorverurteilungen gegenüber muslimischen Gemeinden nicht zutreffen. Um Cem Özdemirs Forderung aufzugreifen, die Moscheen sind schon längst für Radikale verriegelt. Wundert es denn nicht, dass jene Mörder gerade NICHT in Moscheegemeinden verwurzelt sind? Wieviel wussten denn die Muslime in Groß-Britannien von den Anschlagsplänen dieser Mörder? Gar nichts. Hätten sie davon wissen können? Sicherlich nicht mehr als die Sicherheitskräfte vorher auch wussten.
Unverständlich ist es, wenn Herr Elyas in die gleiche Kerbe wie der bayerische Innenminister Beckstein schlägt und dem bestehenden und nach jedem Anschlag stärker werdenden Generalverdacht gegenüber Moscheegemeinden Wasser in die Mühlen gießt. Mag sein, dass Herr Elyas persönlich mit einer verstärkten Überwachung der Moscheen kein Problem hat. Was ist aber mit den Muslimen in den Gemeinden, die dann in polizeilichen und nachrichtendienstlichen Ermittlungsakten auftauchen, nur weil sie eine Moschee besucht, ihr Kind dort vorbeigebracht, am Freitagsgebet teilgenommen haben. Was ist mit den Menschen, denen der Entzug der Staatsbürgerschaft, gar die Ausweisung droht, nur weil sie beim Verlassen einer Moschee gefilmt wurden. Wie soll denn solch eine rücksichtsvolle und das Gemeindeleben nicht störende “verschärfte Überwachung” erfolgen, gerade im Hinblick auf die bisherige katastrophale Praxis, die es auch ohne “verschärfte Überwachung” geschafft hat, den Muslimen ihr religiöses Leben schwer zu machen. Wie müssten solche Maßnahmen denn aussehen. Hat denn der Zentralratsvorsitzende nicht selbst in einem anderen Interview zu Recht auf hunderte ergebnisloser Kontrollen vor muslimischen Gebetshäusern hingewiesen?
Den Politikern nach dem Mund zu reden, wird sicherlich nicht für das nötige Vertrauen in der Bevölkerung sorgen. Vertrauen schafft man nur mit einem offenen und ehrlichen Umgang. Dazu gehört auch gegebenenfalls zu widersprechen, wenn von politischer Seite Gefahren und Szenarien heraufbeschworen werden, die es so nicht gibt. Ohne sich des Vertrauens der eigenen Gemeinschaft sicher zu sein, kann sicherlich nicht das Vertrauen der Mehrheitsgesellschaft gefordert werden. So, wird nur der Vorwurf der Doppelzüngigkeit genährt, mehr nicht.
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Das Vertrauen der Gesellschaft setzt den offenen und ehrlichen Umgang der muslimischen Gemeinden mit Extremismus voraus!
“…wenn von politischer Seite Gefahren und Szenarien heraufbeschworen werden, die es so nicht gibt.”
“Wieviel wussten denn die Muslime in Groß-Britannien von den Anschlagsplänen dieser Mörder? Gar nichts. Hätten sie davon wissen können? Sicherlich nicht mehr als die Sicherheitskräfte vorher auch wussten.”
Woher wissen Sie das? Weil die britische Moscheegemeinde das ja sonst schon breitwillig erzählt hätte?
Und die religiösen Auffassungen, aufgrund denen die Attentäter handelten, sind ganz plötzlich und heimlich entstanden?
Welche muslimischen Verbände setzen sich denn mal öffentlich mit der religiösen Ideologie auseinander von Moscheen wie der Al-Nur in Berlin?
Da behaupten Extremisten, im Namen des Islam zu handeln, ist das kein Anlaß, Stellung zu beziehen, diese Eigenlegitimation zu bezweifeln?
Ob nun schreiend oder in Schweigemärschen.
Aber was Sie fordern, ist nichts anderes als die alte Wagenburgmentalität: interne Kritik passt gerade in diesem Moment nicht und eigentlich gar nie…
Es geht mir nicht um die Etablierung oder Aufrechterhaltung einer Wagenburgmentalität. Die Kritik richtete sich damals (der Beitrag ist nun schon etwas älter) gegen den offen zur Schau gestellten Opportunismus von Herrn Elyas.
Ich kann es noch gerade nachvollziehen, dass solche Forderung von Menschen kommen, die nicht das Gemeindeleben in einer Moschee kennen. Herr Elyas gehört zu denen, die dieses Leben kennen und auch weiß er sehr genau, dass man diese Leute in den Moscheen antreffen kann, erst recht nicht als aktive Mitglieder.
Aus diesem Grund kann ich es nicht nachvollziehen, dass Herr Elyas diese Statements von sich gibt, nur weil sie von einigen Kreisen erwartet werden. Zu Terroristen wird dieser Appell sicherlich nicht durchkommen, dies weiß Herr Elyas auch. Umso weniger ist es deswegen nachvollziehbar, ein Bild entstehen zu lassen, dass solche Kontakte für möglich hält.
Was die religiösen Auffassungen angeht, aufgrund der die Täter handeln sollen, so gehe ich davon aus, dass diese gerade entstanden sind, weil die Täter nicht in eine funktionierende Moscheegemeinde integriert sind.
Oftmals radikalisieren sich diese Leute außerhalb der Moscheen. Sie kommen irgendwie auf die Idee, dass sie sich plötzlich mit dem Islam beschäftigen müssen (vielleicht über irgendein Erweckungserlebnis). Ihr Problem ist aber, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt kaum einen Kontakt zu einer islamischen Gemeinde hatten. Einige suchen diesen erst garnicht und machen sich auf den Weg, den Islam auf eigene “Faus” zu entdecken. Da sind es dann meist die Bücher mit den einfachen Erklärungen, an die sie sich wenden, ohne dass es für sie eine richtige kompetente Bezugsperson gibt, an die sie sich wenden. Wenn nun diese Person an die falschen Bücher kommt, sich zu diesen auch noch seine falsche - da nicht geschulte - Interpretation kommt, braucht es nicht lange um in die Radikalität abzudriften.
Das Problem ist, wir in der Moschee bekommen von all dem nichts mit, weil sich diese Personen nicht an Gemeinden wenden. Sie sind höchstwahrscheinlich nur zu Freitaggebeten dort, bis sie eines Tages auch noch davon überzeugt sind, dass der Imam einen “falschen” Islam predigt und deswegen auch ein Ungläubiger ist - dann kommen sie wahrscheinlich nicht einmal zum Freitagsgebet, kapseln sich auch völlig gegenüber den Muslimen außerhalb ihrer Kleingruppe ab.
Weiterhin wird auch nicht jeder von diesen zu Bombenlegern, manch einer radikalisiert sich wohl noch weiter. Fazit ist, in der Moschee triffst du und erreichst du diese Leute nicht. Und dies weiß auch Herr Elyas nur zu gut - deswegen auch meine Kritik.