Stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU übt sich in radikalster Polemik
21. Januar 2004 | Von Abdulgani Engin Karahan | Kategorie: PolitikIn einem Beitrag in der “Jüdischen Allgemeine” wandte sich Christoph Böhr massiv gegen das Kopftuch. Offensichtlich hatte er sich zum Ziel gesetzt, allen zu beweisen, dass das Kopftuch doch ein politisches Symbol wäre.
So sei das Kopftuch “kein religiöses Symbol, nicht einer Glaubenswahrheit geschuldet.” Da sind die Muslime allerdings einer anderen Meinung. Für die Muslime ist das Kopftuch an sich auch kein religiöses Symbol, aber ein religiöses Gebot. Aber nein, Herr Böhr ist das natürlich egal, denn er hat sich nun mal in seiner Meinung festgefahren.
Christoph Böhr führt seine Argumentation weiter aus: “Das Kopftuch, das zudem anders aussieht als der traditionelle Schleier muslimischer Frauen, ist vielmehr Ausdruck eines politischen Standpunktes, der sich ziemlich genau beschreiben lässt, weil er mit dem nachdrücklichen Einsatz für eine bestimmte Rechts- und Gesellschaftsordnung verbunden ist.” Die Frage ist natürlich, wie denn für Herrn Böhr die traditionelle Kopfbedeckung von Musliminnen aussehen soll. Wünscht er sich mit seinem “traditionellen Schleier” vielleicht die afghanische Burka herbei. Abgesehen davon ist das Kopftuch gerade kein “nachdrücklicher Einsatz für eine bestimmte Rechts- und Gesellschaftsordnung”, wie es Herr Böhr behauptet, sondern nur Teil der täglichen Religionsausübung, wie das tägliche Beten, das Fasten oder die Pilgerfahrt. Wollen Sie uns diese irgendwann auch verbieten, Herr Böhr?
In der Diaspora würde das Kopftuch vor allem eingesetzt, um Frauen gegen ihren Willen von der europäischen Welt hermetisch abzugrenzen. Sicher, und um sie dann von der “europäischen Welt hermetisch abzugrenzen”, zwingt man diese Frauen dann auch zu studieren und als Lehrerinnen zu arbeiten. Denken Sie nicht Herr Böhr, dass Sie sich mit dieser Argumentationsweise lächerlich machen. Diese Frauen, um die es in der letzten Zeit geht, sind studierte Frauen, die auch noch einen Beruf ausüben wollen. Frauen die mit beiden Beinen fest im Leben stehen und alles andere als “hermetisch von der europäischen Welt” abgegrenzt sind. Man fragt sich, wo denn Herr Böhr eigentlich lebt? In Deutschland wahrscheinlich nicht.
Der Hobbypsychologe Böhr geht mit seinen Analysen noch weiter. “Es ist keinesfalls ein Ausdruck von Frömmigkeit”, sagt er bei einem Blick in die Köpfe der Muslime - oder ist es doch eine Projektion von ihm, ein Wunschdenken über die Muslime. Und deswegen wolle das Kopftuch etwa nicht “einer Glaubensüberzeugung oder einer davon abgeleiteten Verhaltensvorschrift Geltung verschaffen.” Herr Böhr versteht es, aus den Annahmen, die er selbst vorgibt, zu den richtigen Schlüssen, die der unaufmerksame Leser ziehen soll, hinzuleiten. Die Argumentationstechnik erinnert an die von Revisionisten, aber auch die Erinnerungen an Herrn Hohmanns Geschichtsverdrehung werden wieder wach.
Aber das alles reicht auch noch nicht aus. Als nächstes kommt noch die Flucht zur Islamismus-Keule. Mittlerweile hat sich dieser “Islamismus” für einige Politiker als sehr ergiebig herausgestellt. Jedes ungeliebte Element des Islams läuft immer mehr Gefahr, darunter subsumiert zu werden. “Der Streit um das Kopftuch berührt aus diesem Grund nicht unsere Einstellung zum Islam, sondern wirft die Frage auf, wie wir uns zum Islamismus verhalten”, will Böhr klarstellen, doch seit wann ist das Kopftuch ein Zeichen des “Islamismus”. Reicht es schon aus, dass Herr Böhr dieser Meinung ist, damit Frauen, die nichts anderes im Auge haben, als das Gebot des Herrn zu verwirklichen und sich deswegen bedecken, zu “Islamisten” werden. Wie weit dürfen wir eigentlich noch Muslime Muslime sein, ohne Islamisten zu werden - wenn doch Herr Böhr uns seine klare Definition geben würde, damit wir da bloß keine Fehler machen.
Herr Böhr hätte vielleicht vorher Muslime fragen können, was denn ihre Beweggründe sind. Getan hat er dies sicher nicht. Seine Ansichten weißen nur eine verklärte Außenansicht über Muslime auf und offenbaren gleichzeitig, wie wenig er doch mit denen zu tun hat, über die er jetzt vom hohen Ross herab urteilt. Als Muslime können wir nur dazu aufrufen: “Lasst ab von diesem Hass und öffnet eure Augen. Nicht alles ist ein Feind, was ein Tuch auf dem Kopf oder einen Bart im Gesicht trägt. Dies erkennt man auch - solange man überhaupt erkennen will.”
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